20세기 전환기 독일 학교소설 - 문화사회학적 관점에서 살펴본 ’학교소설’ 장르의 이해
Die Schulgeschichte (Der Schulroman) als Genre um die Jahrhundertwende - Betrachtung unter kultursoziologischen Aspekten
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Um 1900 avanciert ‚Schule‘ zu einem zentralen Schauplatz der literarischen Produktion in Deutschland. Die Geschichte der Jugendlichen, sowohl ihr Leiden als auch ihre Konflikte in der Institution ‚Schule’, rücken in den Vordergrund vieler zeitgenössischer Dramen und Prosawerke, unter denen einige heute zu den kanonisierten Texten der klassischen Moderne gehören. Dass die Früh- oder Erstlingswerke vieler bedeutender Autoren der Zeit zum Typus der Schulgeschichte gehören, ist kein unbedeutendes Phänomen. Nach der Reichsgründung ändern sich durch die rapide Veränderung der Gesellschaft auch die Bildungs- und Erziehungsideale, und demgemäß wird die Frage nach der „Krise der Erziehung, [der] Krise der jungen Menschen“ von den bildungskritischen Literaten in ihren Schulgeschichten oder Schulromanen gestellt, welche meist von dem harmonischen Schluss des Bildungsroman- Schemas abweichen. In Anbetracht verwässerter neuhumanistischer Bildungsideale erhob sich die Frage, ob die Bildungsromane „unzeitgemäß oder gar realitätsfern wirken“, und ob die „erzählerische Darstellung des Wegs einer zentralen Figur durch Irrtümer und Krisen zur Selbstfindung“ und „tätigen Integration in die Gesellschaft« schließlich »auf einen Ausgleich mit der Welt “ ziele. Doch wird die von Wilhelm Dilthey in Goethes Wilhelm Meister als traditionsbildendes Muster dargestellte „menschliche Ausbildung in verschiedenen Stufen, Gestalten, Lebensepochen“ nur als ein vereinfachtes Schema – „sozialen Aufstieg, privates Glück und höchstens noch ökonomischen Erfolg“ begrenzt- in den nachfolgend verfassten erfolgreichen Epigonenromanen angewandt. DieEntelechie, das Spezifikum des Bildungsromans, gibt es in solchen Epigonenromanen nicht mehr. Die bildungskritischen oder zumindest der zeitgenössischen ‚Bildung’ gegenüber skeptischen Autoren proklamieren in ihren ‚Schulgeschichten’ den Verfall des klassischen Bildungsideals und somit die Absage an die Hoffnung des Bildungsromans. Die Schulgeschichte, die den Helden durch Krisen und Konflikte nicht auf einen Ausgleich mit der Welt wie im Bildungsroman, sondern eher auf das Scheitern hinführt, kann sich demnach auch als ‚Desillusionsroman’ bezeichnen. Die meisten jugendlichen Helden der Schulgeschichten stehen im Spannungsverhältnis zwischen Ich und Welt. Ihnen gelingt keine Integration in die Gesellschaft, sondern sie verbleiben im Zwiespalt zwischen dem sich selbst suchenden Subjekt und der sich widersetzenden Umwelt. Unter diesem Aspekt erweist sich die Bildungskritik als großer Teilaspekt der Gesellschaftskritik. Die Schulgeschichte um die Jahrhundertwende hat nicht nur auf literarischem Feld, sondern auch unter kulturellen Aspekten ihren Wert. Die literarische Thematisierung der Jugendproblematik veranlasst die Zeitgenossen, ihre Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung der Schul- und Bildungswirklichkeit sowie auf die Jugendfrage zu richten. In diesem Sinne ist das Genre ‚Schulgeschichte’ um die Jahrhundertwende nicht nur künstlerisch als eine gewichtige Literaturströmung der Epoche anzusehen, die die Problematik von jungen Menschen eindringlich zur Darstellung bringt, sondern sie ist auch für die reflexiven Prozesse der Korrelation zwischen Literatur und Wirklichkeit von Belang. Die bisher mehrfach gestellte Frage nach der Reichweite und prophetischen Kraft dieser Romane ist noch immer offen. Gleichgültig, ob diese Wahrnehmung zutreffend ist oder nicht – wir sehen im Professor Unrat den Diktator, der uns an ‚Hitler’ erinnert; in Musils Figuren des Reiting und des Beineberg erblicken widie Unmenschlichkeit des Dritten Reichs. Und, wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki feststellt, die Geschichte von Hans Giebenrath in Unterm Rad macht uns ein „erstaunlichstarke[s] Identifikationsangebot“ – auch wenn wir an der Schule nicht besonders gelitten haben und von den grausamen Lehrern nie geplagt wurden. Dementsprechend enden die literarische Faszination und thematische Aktualität bis heute nicht.
Abstract
Um 1900 avanciert ‚Schule‘ zu einem zentralen Schauplatz der literarischen Produktion in Deutschland. Die Geschichte der Jugendlichen, sowohl ihr Leiden als auch ihre Konflikte in der Institution ‚Schule’, rücken in den Vordergrund vieler zeitgenössischer Dramen und Prosawerke, unter denen einige heute zu den kanonisierten Texten der klassischen Moderne gehören. Dass die Früh- oder Erstlingswerke vieler bedeutender Autoren der Zeit zum Typus der Schulgeschichte gehören, ist kein unbedeutendes Phänomen. Nach der Reichsgründung ändern sich durch die rapide Veränderung der Gesellschaft auch die Bildungs- und Erziehungsideale, und demgemäß wird die Frage nach der „Krise der Erziehung, [der] Krise der jungen Menschen“ von den bildungskritischen Literaten in ihren Schulgeschichten oder Schulromanen gestellt, welche meist von dem harmonischen Schluss des Bildungsroman- Schemas abweichen. In Anbetracht verwässerter neuhumanistischer Bildungsideale erhob sich die Frage, ob die Bildungsromane „unzeitgemäß oder gar realitätsfern wirken“, und ob die „erzählerische Darstellung des Wegs einer zentralen Figur durch Irrtümer und Krisen zur Selbstfindung“ und „tätigen Integration in die Gesellschaft« schließlich »auf einen Ausgleich mit der Welt “ ziele. Doch wird die von Wilhelm Dilthey in Goethes Wilhelm Meister als traditionsbildendes Muster dargestellte „menschliche Ausbildung in verschiedenen Stufen, Gestalten, Lebensepochen“ nur als ein vereinfachtes Schema – „sozialen Aufstieg, privates Glück und höchstens noch ökonomischen Erfolg“ begrenzt- in den nachfolgend verfassten erfolgreichen Epigonenromanen angewandt. DieEntelechie, das Spezifikum des Bildungsromans, gibt es in solchen Epigonenromanen nicht mehr. Die bildungskritischen oder zumindest der zeitgenössischen ‚Bildung’ gegenüber skeptischen Autoren proklamieren in ihren ‚Schulgeschichten’ den Verfall des klassischen Bildungsideals und somit die Absage an die Hoffnung des Bildungsromans. Die Schulgeschichte, die den Helden durch Krisen und Konflikte nicht auf einen Ausgleich mit der Welt wie im Bildungsroman, sondern eher auf das Scheitern hinführt, kann sich demnach auch als ‚Desillusionsroman’ bezeichnen. Die meisten jugendlichen Helden der Schulgeschichten stehen im Spannungsverhältnis zwischen Ich und Welt. Ihnen gelingt keine Integration in die Gesellschaft, sondern sie verbleiben im Zwiespalt zwischen dem sich selbst suchenden Subjekt und der sich widersetzenden Umwelt. Unter diesem Aspekt erweist sich die Bildungskritik als großer Teilaspekt der Gesellschaftskritik. Die Schulgeschichte um die Jahrhundertwende hat nicht nur auf literarischem Feld, sondern auch unter kulturellen Aspekten ihren Wert. Die literarische Thematisierung der Jugendproblematik veranlasst die Zeitgenossen, ihre Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung der Schul- und Bildungswirklichkeit sowie auf die Jugendfrage zu richten. In diesem Sinne ist das Genre ‚Schulgeschichte’ um die Jahrhundertwende nicht nur künstlerisch als eine gewichtige Literaturströmung der Epoche anzusehen, die die Problematik von jungen Menschen eindringlich zur Darstellung bringt, sondern sie ist auch für die reflexiven Prozesse der Korrelation zwischen Literatur und Wirklichkeit von Belang. Die bisher mehrfach gestellte Frage nach der Reichweite und prophetischen Kraft dieser Romane ist noch immer offen. Gleichgültig, ob diese Wahrnehmung zutreffend ist oder nicht – wir sehen im Professor Unrat den Diktator, der uns an ‚Hitler’ erinnert; in Musils Figuren des Reiting und des Beineberg erblicken widie Unmenschlichkeit des Dritten Reichs. Und, wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki feststellt, die Geschichte von Hans Giebenrath in Unterm Rad macht uns ein „erstaunlichstarke[s] Identifikationsangebot“ – auch wenn wir an der Schule nicht besonders gelitten haben und von den grausamen Lehrern nie geplagt wurden. Dementsprechend enden die literarische Faszination und thematische Aktualität bis heute nicht.
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