Die literarische Antwort auf Sozialisation in der Moderne - Bildungsroman und Gesellschaftsroman
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초록
Wenn der Bildungsroman die literarische Gattung der Moderne darstellt – ihre Quintessenz und ihre höchste Verdichtung –, so bedeutet dieser herausragende Status selbstverständlich nicht, dass er das einzige Kind der Moderne ist: es existieren zahlreiche historische Untergattungen und Subgenres der Moderne. Allerdings verwirklicht der Bildungsroman die eigentliche Ideologie der Moderne am deutlichsten und am erfolgreichsten: nämlich die Rechtfertigung der Sozialisation des modernen Subjekts. Diese Zielsetzung war für die allgemeine historische Ausgangs-Situation im Heimatland des Bildungsromans durchaus angemessen: die politische, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung in England und Deutschland des 19. Jahrhunderts verläuft – grundlegend anders als in Frankreich – im Wesentlichen ohne fundamentale historische Brüche; sie ist trotz 1848 in ihren Grundzügen kontinuierlich und vorhersehbar. Erst diese relative Stetigkeit der historischen Grund-Konstellation ermöglicht die Entstehung einer das gesamte Jahrhundert prägenden literarischen Gattung, die den Übergang von der Freiheit des Subjekts zu seiner Sozialisation gestattet und gestaltet. Die Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert dagegen ist wiederholt von tiefen Brüchen und Verwerfungen gekennzeichnet, die die Orientierung des Subjekts an zeitenthobenen Konstanten und invarianten, gleichsam überzeitlichen Ordnungen von vorneherein verhindert. Das aufgewühlte, von dauernden Umbrüchen heimgesuchte, nicht zur Ruhe kommende Paris ist über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg das Gegenbild zum beschaulichen Chawton und Weimar des späten 18. Jahrhunderts. Die Machtkonstellationen, politischen Gewichtungen und Staatsverfassungen erfahren im chaotischen Wechselspiel von Revolution und Restauration im Frankreich des 19. Jahrhunderts so fundamentale Veränderungen, dass in ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Hinsicht keine die Zeitläufe überdauernden Konstanten erkennbar werden.
Abstract
Wenn der Bildungsroman die literarische Gattung der Moderne darstellt – ihre Quintessenz und ihre höchste Verdichtung –, so bedeutet dieser herausragende Status selbstverständlich nicht, dass er das einzige Kind der Moderne ist: es existieren zahlreiche historische Untergattungen und Subgenres der Moderne. Allerdings verwirklicht der Bildungsroman die eigentliche Ideologie der Moderne am deutlichsten und am erfolgreichsten: nämlich die Rechtfertigung der Sozialisation des modernen Subjekts. Diese Zielsetzung war für die allgemeine historische Ausgangs-Situation im Heimatland des Bildungsromans durchaus angemessen: die politische, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung in England und Deutschland des 19. Jahrhunderts verläuft – grundlegend anders als in Frankreich – im Wesentlichen ohne fundamentale historische Brüche; sie ist trotz 1848 in ihren Grundzügen kontinuierlich und vorhersehbar. Erst diese relative Stetigkeit der historischen Grund-Konstellation ermöglicht die Entstehung einer das gesamte Jahrhundert prägenden literarischen Gattung, die den Übergang von der Freiheit des Subjekts zu seiner Sozialisation gestattet und gestaltet. Die Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert dagegen ist wiederholt von tiefen Brüchen und Verwerfungen gekennzeichnet, die die Orientierung des Subjekts an zeitenthobenen Konstanten und invarianten, gleichsam überzeitlichen Ordnungen von vorneherein verhindert. Das aufgewühlte, von dauernden Umbrüchen heimgesuchte, nicht zur Ruhe kommende Paris ist über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg das Gegenbild zum beschaulichen Chawton und Weimar des späten 18. Jahrhunderts. Die Machtkonstellationen, politischen Gewichtungen und Staatsverfassungen erfahren im chaotischen Wechselspiel von Revolution und Restauration im Frankreich des 19. Jahrhunderts so fundamentale Veränderungen, dass in ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Hinsicht keine die Zeitläufe überdauernden Konstanten erkennbar werden.
참고문헌 (6)
- Austen, Jane, "Pride and Prejudice" (1994)
- Balzac, Honoré de, "Verlorene Illusionen" (1996)
- Balzac, Honoré de, "Vater Goriot" (1996)
- Flaubert, Gustave, "Die Erziehung des Herzens" (1996)
- Goethe, Johann Wolfgang, "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1998)
- Stendhal, "Rot und Schwarz" (2010)
