Tyche und Theodizee - Lessings Nathan der Weise als Reflektion der „Neuen Komödie"
Tyche und Theodizee - Lessings Nathan der Weise als Reflektion der „Neuen Komödie“
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초록
In Lessings Nathan der Weise finden sich zahlreiche Komödienelemente. Insbesondere die lustspielhafte „Gespanntheit des Dialoges“, die schon Hofmannsthal bemerkte und die zahlreichen Verknüpfungen von Zufällen, die am Ende den versöhnlichen Schluss herbeiführen, verweisen auf die in die Antike zurückreichende Tradition der Komödie. Lessing greift in Nathan der Weise eine Reihe von Motiven und Fragestellungen wieder auf, die ihn bereits in seinen frühen Komödien und Übersetzungen interessiert hatten. Dazu gehören die Bedeutung des Zufalls („Tyche“), durch den die Konflikte der Handlung am Ende aufgehoben werden, die zeitliche Einbettung der Handlung in den Kontext eines Krieges, das Spiel mit schroffen Gegensätzen und gegensätzlichen Figuren. Alle diese Merkmale findet Lessing in der antiken „Neuen Komödie“ vor, mit der er sich seit seiner Jugend beschäftigt. Auch innerhalb des Nathan gibt es einen metatheatralischen Diskurs, der Lustspielformen zur Voraussetzung hat: An die Ringparabel, an das Schachspiel, die theaterfeindlichen Ausfälle des Patriarchen knüpfen sich erzähl- und theatertheoretische Fragestellungen, die die Wirkungsmöglichkeiten des Theaters und seine Bedeutung als Gegenwirklichkeit thematisieren. Sie alle umkreisen die Frage nach der Möglichkeit einer theatralischen Theodizee, also dem Nutzen und der Gültigkeit der Vorführung eines sich ausbalancierenden Systems von Gegensätzen, das in allen Widersprüchen und Übeln der Wirklichkeit eine höhere Harmonie zu erkennen gibt. Das Theater als Ort der Verhandlungvon Möglichkeiten und Hypothesen, aber auch als Raum der Verzauberung, in dem die Zuschauer sich „mit Märchen abspeisen“ lassen, wie Nathan sagt, ist Lessings Gegenentwurf zur dogmatischen Faktenwelt des Patriarchen.
Abstract
In Lessings Nathan der Weise finden sich zahlreiche Komödienelemente. Insbesondere die lustspielhafte „Gespanntheit des Dialoges“, die schon Hofmannsthal bemerkte und die zahlreichen Verknüpfungen von Zufällen, die am Ende den versöhnlichen Schluss herbeiführen, verweisen auf die in die Antike zurückreichende Tradition der Komödie. Lessing greift in Nathan der Weise eine Reihe von Motiven und Fragestellungen wieder auf, die ihn bereits in seinen frühen Komödien und Übersetzungen interessiert hatten. Dazu gehören die Bedeutung des Zufalls („Tyche“), durch den die Konflikte der Handlung am Ende aufgehoben werden, die zeitliche Einbettung der Handlung in den Kontext eines Krieges, das Spiel mit schroffen Gegensätzen und gegensätzlichen Figuren. Alle diese Merkmale findet Lessing in der antiken „Neuen Komödie“ vor, mit der er sich seit seiner Jugend beschäftigt. Auch innerhalb des Nathan gibt es einen metatheatralischen Diskurs, der Lustspielformen zur Voraussetzung hat: An die Ringparabel, an das Schachspiel, die theaterfeindlichen Ausfälle des Patriarchen knüpfen sich erzähl- und theatertheoretische Fragestellungen, die die Wirkungsmöglichkeiten des Theaters und seine Bedeutung als Gegenwirklichkeit thematisieren. Sie alle umkreisen die Frage nach der Möglichkeit einer theatralischen Theodizee, also dem Nutzen und der Gültigkeit der Vorführung eines sich ausbalancierenden Systems von Gegensätzen, das in allen Widersprüchen und Übeln der Wirklichkeit eine höhere Harmonie zu erkennen gibt. Das Theater als Ort der Verhandlungvon Möglichkeiten und Hypothesen, aber auch als Raum der Verzauberung, in dem die Zuschauer sich „mit Märchen abspeisen“ lassen, wie Nathan sagt, ist Lessings Gegenentwurf zur dogmatischen Faktenwelt des Patriarchen.
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