괴테의 소설 『선호친화성』에 나타난 서술기법적 특징들
Erzähltechnische Eigentümlichkeiten in Goethes Roman „Wahlverwandtschaften“
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초록
Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ war eigentlich konzipiert als eine Novelle, die wie ,Der Mann von funfzig Jahren‘ in seinen Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ einzufügen war. Sie sollte eigentlich wie ,Der Mann von funfzig Jahren‘ eine Erzählung des Enthaltenden sein, der, wie der junge Goethe einst seine Jugendliebe zu Charlotte Buff mit dem Roman “Werther” abgerechnet hatte, seine Altersliebe zu dem achtzehnjährigen Mädchen Minna Herzlieb mit dem Roman “Die Wahlverwandtschaften” literarisch hinter sich zu bringen hatte. Aber die Hauptfigur der “Wahlverwandtschaften”, Eduard, ist alles andere als ein Musterbeispiel des Enthaltenden. Im Gegenteil ist er der unbedingte Wille eines Liebenden überhaupt. Hier fragt man sich, wo sich der alte Goethe selbst, der Enthaltende, im Roman steckt: Natürlich wäre es Ottilie, die im Roman die Rolle eines Enthaltenden spielt. Aber sie ist eine weibliche Figur, mit der sich der enthaltende alte Goethe doch schwer zu identifizieren wäre. Es ist allgemein anzunehmen, in seinem Drama “Faust” hat Goethe sich selbst in zwei Protagonisten, nämlich Faust und Mephistopheles, geteilt dargestellt. Auch in seinem Altersroman “Wahlverwandtschaften” scheint Goethe sich selbst, der eben sein schmerzhaftes Liebeserlebnis mit Minna Herzlieb zu überwinden hatte, in die unbedingt liebende, leidenschaftliche Figur Eduard und den fast humoristischen autorialen Erzähler geteilt zu haben. Wenn dieser über Ottilie etwas zu sagen hat, bezeichnet er sie stets mit liebevollen Ausdrücken wie “das gute, reine Kind”, “das gute Kind”, “das gute, tätige Kind”, “das schöne Kind”, “das herrliche Kind”, “das gute Mädchen” oder “ein himmlisches Wesen”. Es sind dies alle “väterlichen” Ausdrücke, die der Erzähler, der dem leidenschaftlichen Eduard fast immer ironische Distanz wahrt, gegenüber Ottilie kaum zu verbergen weiss. Aber es ist nur ein Aspekt dieses eigenartigen Erzählers. Wenn nur dieser Aspekt da im Werk dominant gewesen wäre, dann wäre es wie geplant eine Novelle geblieben, die eventuell die Liebesepisode der Wahlverwandtschaften als eine zentrale Begebenheit vorzuweisen hätte. Bekanntermaßen ist die Novelle doch zu einem Roman ausgeweitet worden. Warum musste es so kommen? Der Verfasser dieses Aufsatzes möchte den Grund dafür unter anderem darin sehen, dass die halbe Idetität des enthaltenden Goethe, nämlich der weltkundige auktoriale Erzähler, die eigentlich ganz einfache, novellistische Begebenheit mit verschiedenen, seinen Erzählfluss weit retardierenden Betrachtungen über seine Zeit und deren gesellschaftliche Wandlungen auf seine Weise umfärben will, damit auch sein Leser schliesslich Betrachtungen über sich und seine Zeit anstellt. Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltenene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen. Dieser erste Satz der “Wahlverwandtschaften” ist schon der typische erste Satz eines Romans, denn der Erzähler einer Novelle würde nicht so anfangen: der Name der Hauptfigur seiner Novelle kann ihm nicht so gleichgültig sein. Nur der allwissende Erzähler eines Romans kann sich meistens so gleichgültig wie großzüg stellen. Aber bald wird auch die Verlässlichkeit seiner Aussage suspekt, denn es stellt sich nämlich bald heraus, dass Eduard eigentlich Otto hiess und sich aus irgendeinem nicht zwingenden Grund so umbenannt habe. Warum ausgerechnet zu Eduard? Norbert Oellers hat einen wichtigen Grund hierzu zu Tage gefördert: Nach ihm kannte Goethe nämlich die Herdersche Übersetzung einer schottischen ödipalen Ballade, “Wovon ist Dir Dein Schwert so roth? / Eduard, Eduard!”, und der eigenartige Erzähler spielt hier mit der zweimaligen, grammatikwidrigen Nennung des Namens Eduard wohl darauf an, dass die Adelsfigur Eduard, wenn keinen so direkten vatermörderischen, so doch einen revolutionären Charakter seiner Generation haben könnte, auch wenn er selbst keine revolutionären Züge vorweist. Sehr bemerkenswert in diesem Sinne ist auch Nils Reschkes Charakterisierung Eduards, dass diese Figur eine “Allegorie der verfallenden Vaterimago im 18. Jahrhundert” sein kann. Auf jeden Fall sagt dieser auktorialer Erzähler der “Wahlverwandtschaften” meistens mehr als er flüchtig zu meinen scheint. Auch der erste Satz des Zweiten Teils des Romans ist symbolisch auszudeuten: Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als Kunstgriff des Dichters zu rühmen pflegen, daß nämlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untätigkeit hingeben, gleich sodann schon ein Zweiter, Dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz füllt und, indem er seine ganze Tätigkeit äußert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises würdig erscheint. Hier erwähnt der auktoriale Erzähler ohne triftigen Grund plötzlich die Epopöe, eine veraltete Bezeichnung des Epos, das wiederum eine alte Form des Romans ist. Hier hätte er durchaus “Roman” sagen können anstatt “Epopöe”. Aber er legt uns so nahe, dass man hier erwarten sollte, nunmehr treten bürgerliche Figuren wie Architekt, Gehilfe und Gärtner anstatt der adligen Hauptfigur der untergehenden Zeit. Überhaupt ist der Erzähler dieses Romans eigenartig: Er ist mehr als nur ein normaler allwissender oder auktorialer Erzähler, sondern er ist selbst eine Figur, die einige Züge des alten Goethe aufweist, und erfüllt daneben eine wichtige Funktion in dem Werk des reifen Goethe, das von dem eigentlichen Entwurf einer Novelle zu einem Zeitroman à la Goethe erweitert worden ist.
Abstract
Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ war eigentlich konzipiert als eine Novelle, die wie ,Der Mann von funfzig Jahren‘ in seinen Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ einzufügen war. Sie sollte eigentlich wie ,Der Mann von funfzig Jahren‘ eine Erzählung des Enthaltenden sein, der, wie der junge Goethe einst seine Jugendliebe zu Charlotte Buff mit dem Roman “Werther” abgerechnet hatte, seine Altersliebe zu dem achtzehnjährigen Mädchen Minna Herzlieb mit dem Roman “Die Wahlverwandtschaften” literarisch hinter sich zu bringen hatte. Aber die Hauptfigur der “Wahlverwandtschaften”, Eduard, ist alles andere als ein Musterbeispiel des Enthaltenden. Im Gegenteil ist er der unbedingte Wille eines Liebenden überhaupt. Hier fragt man sich, wo sich der alte Goethe selbst, der Enthaltende, im Roman steckt: Natürlich wäre es Ottilie, die im Roman die Rolle eines Enthaltenden spielt. Aber sie ist eine weibliche Figur, mit der sich der enthaltende alte Goethe doch schwer zu identifizieren wäre. Es ist allgemein anzunehmen, in seinem Drama “Faust” hat Goethe sich selbst in zwei Protagonisten, nämlich Faust und Mephistopheles, geteilt dargestellt. Auch in seinem Altersroman “Wahlverwandtschaften” scheint Goethe sich selbst, der eben sein schmerzhaftes Liebeserlebnis mit Minna Herzlieb zu überwinden hatte, in die unbedingt liebende, leidenschaftliche Figur Eduard und den fast humoristischen autorialen Erzähler geteilt zu haben. Wenn dieser über Ottilie etwas zu sagen hat, bezeichnet er sie stets mit liebevollen Ausdrücken wie “das gute, reine Kind”, “das gute Kind”, “das gute, tätige Kind”, “das schöne Kind”, “das herrliche Kind”, “das gute Mädchen” oder “ein himmlisches Wesen”. Es sind dies alle “väterlichen” Ausdrücke, die der Erzähler, der dem leidenschaftlichen Eduard fast immer ironische Distanz wahrt, gegenüber Ottilie kaum zu verbergen weiss. Aber es ist nur ein Aspekt dieses eigenartigen Erzählers. Wenn nur dieser Aspekt da im Werk dominant gewesen wäre, dann wäre es wie geplant eine Novelle geblieben, die eventuell die Liebesepisode der Wahlverwandtschaften als eine zentrale Begebenheit vorzuweisen hätte. Bekanntermaßen ist die Novelle doch zu einem Roman ausgeweitet worden. Warum musste es so kommen? Der Verfasser dieses Aufsatzes möchte den Grund dafür unter anderem darin sehen, dass die halbe Idetität des enthaltenden Goethe, nämlich der weltkundige auktoriale Erzähler, die eigentlich ganz einfache, novellistische Begebenheit mit verschiedenen, seinen Erzählfluss weit retardierenden Betrachtungen über seine Zeit und deren gesellschaftliche Wandlungen auf seine Weise umfärben will, damit auch sein Leser schliesslich Betrachtungen über sich und seine Zeit anstellt. Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltenene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen. Dieser erste Satz der “Wahlverwandtschaften” ist schon der typische erste Satz eines Romans, denn der Erzähler einer Novelle würde nicht so anfangen: der Name der Hauptfigur seiner Novelle kann ihm nicht so gleichgültig sein. Nur der allwissende Erzähler eines Romans kann sich meistens so gleichgültig wie großzüg stellen. Aber bald wird auch die Verlässlichkeit seiner Aussage suspekt, denn es stellt sich nämlich bald heraus, dass Eduard eigentlich Otto hiess und sich aus irgendeinem nicht zwingenden Grund so umbenannt habe. Warum ausgerechnet zu Eduard? Norbert Oellers hat einen wichtigen Grund hierzu zu Tage gefördert: Nach ihm kannte Goethe nämlich die Herdersche Übersetzung einer schottischen ödipalen Ballade, “Wovon ist Dir Dein Schwert so roth? / Eduard, Eduard!”, und der eigenartige Erzähler spielt hier mit der zweimaligen, grammatikwidrigen Nennung des Namens Eduard wohl darauf an, dass die Adelsfigur Eduard, wenn keinen so direkten vatermörderischen, so doch einen revolutionären Charakter seiner Generation haben könnte, auch wenn er selbst keine revolutionären Züge vorweist. Sehr bemerkenswert in diesem Sinne ist auch Nils Reschkes Charakterisierung Eduards, dass diese Figur eine “Allegorie der verfallenden Vaterimago im 18. Jahrhundert” sein kann. Auf jeden Fall sagt dieser auktorialer Erzähler der “Wahlverwandtschaften” meistens mehr als er flüchtig zu meinen scheint. Auch der erste Satz des Zweiten Teils des Romans ist symbolisch auszudeuten: Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als Kunstgriff des Dichters zu rühmen pflegen, daß nämlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untätigkeit hingeben, gleich sodann schon ein Zweiter, Dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz füllt und, indem er seine ganze Tätigkeit äußert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises würdig erscheint. Hier erwähnt der auktoriale Erzähler ohne triftigen Grund plötzlich die Epopöe, eine veraltete Bezeichnung des Epos, das wiederum eine alte Form des Romans ist. Hier hätte er durchaus “Roman” sagen können anstatt “Epopöe”. Aber er legt uns so nahe, dass man hier erwarten sollte, nunmehr treten bürgerliche Figuren wie Architekt, Gehilfe und Gärtner anstatt der adligen Hauptfigur der untergehenden Zeit. Überhaupt ist der Erzähler dieses Romans eigenartig: Er ist mehr als nur ein normaler allwissender oder auktorialer Erzähler, sondern er ist selbst eine Figur, die einige Züge des alten Goethe aufweist, und erfüllt daneben eine wichtige Funktion in dem Werk des reifen Goethe, das von dem eigentlichen Entwurf einer Novelle zu einem Zeitroman à la Goethe erweitert worden ist.
참고문헌 (38)
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