오늘날 우리에게 문학은?
Literatur für uns heute?
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초록
Bei der Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 eröffnet Dr. Horace Engdahl, Mitglied der Schwedischen Akademie seine Laudatio mit dem folgenden Satz: “Man hört heutzutage oft Gerede von der verminderten Bedeutung der Literatur. Sie sei zur Unterhaltung oder zum Hobby einer isolierten Elite verkommen.” Zwar stellt Engdahl diese “Gerede” als Vorwand voran, um die Bedeutung von G. Grass umso deutlicher hervorzuheben, indem er sagt, ‘die Anwesenheit von Grass’ reiche, “um zu erkennen, dass die Literatur sich nicht ohne weiteres ins Abseits befördern lässt.” Jedoch ist es ungewöhnlich, dass das angesehenste Literaturfest der Welt gerade mit einer unerfreulichen ‘Gerede von der verminderten Bedeutung der Literatur’ eröffnet wird. Ob es ein Zufall ist, dass G. Grass in seiner Preisrede “Fortsetzung folgt” eine ebenso unerfreuliche Lage der Literatur zur Sprache bringt? “Ist es nicht gegenwärtig eher so”, fragt Grass, “daß die Literatur aufs Altenteil verwiesen und den jungen Autoren allenfalls das Internet als Spielwiese eingeräumt wird?” Grass setzt fort: “Jeglicher Vorrat an Zeit ist bis zum menschenmöglichen Kollaps verplant. Ein kulturbetriebliches Jammertal nimmt die westliche Welt gefangen. Was tun?” Auf diese von sich selbst gestellte Frage gibt er eine Antwort, die nicht wenig verblüffend ist: “In meiner Gottlosigkeit bleibt mir einzig übrig, das Knie vor jenem Heiligen zu beugen[…]. Also flehe ich: Heiliger, von Camus' Gnaden nobelierter Sisyphos, bitte, sorge dafür, daß der Stein oben nicht liegen bleibt, daß wir ihn weiterhin wälzen dürfen, auf daß wir wie du glücklich mit unserem Stein sein können und die erzählte Geschichte von der Mühsal unserer Existenz kein Ende findet.” Zwar kommt Grass trotz der pessimistisch anmutenden Diagnose der gegenwärtigen Literatur doch zu seinem Glauben zurück, dass es Erzähler geben wird, solange die Menschen existieren, jedoch klingt das Gebet von Grass, der über ein halbes Jahrhundert unermüdet und auch unbekümmert Geschichten erzählt, eher melancholisch als glaubhaft. Literatur hat, um in Anlehnung an Th. Mann zu sprechen, von Anfang an die Menschheit begleitet. Mit anderen Worten: sie ist frei von allem Zwang zur Rechtfertigung ihrer Existenz. Dass Grass nun trotzdem flehend darauf besteht, dass Literatur die Menschheit bis zum Ende begleiten wird, klingt daher eher abwegig. Grass’ Rede von ‘Internet als Spielwiese der jungen Autoren’ deutet auf den Einfluss des Internets auf die Produktion und Rezeption der Literatur. In der globalisierten Welt verändert das Internet das Verhältnis der Menschen zur Literatur in noch unvergleichbar stärkerem Maße als TV und andere Medien. Die Bedrohung der Literatur durch die digitale Revolution ist allerdings noch grundsätzlicherer Art. Einige Medienforscher gehen so weit zu behaupten, dass die Schrift selbst in der Zukunft keine Aussicht mehr hat. Dagegen spricht Grass jedenfalls, indem er sagt: “Und sollte eines nahen oder fernen Tages das Menschengeschlecht sich selbst […] vernichten wird-ich bin sicher[…]-das Buch das letzte Wort haben; und sei es als Flugschrift.” In der letzten Zeit wird Literatur oft in Zusammenhang mit Filmen und neuen Medien gestellt. Bereits seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts versuchen sich die kulturwissenschaftliche Germanistik oder die interkulturelle Germanistik als neue Paradigmen des Faches auszuweisen. Es ist bei manchen wissenschaftlichen Tagungen schon Gang und Gäbe, statt von ‘Literarität’ immer mehr von ‘(Inter-)Kulturalität’, ‘Transkulturalität’, oder ‘Medialität’ zu hören. Der Begriff ‘Literaturwissenschaft’ klingt schon beinahe obsolet. Man könnte vielleicht das Interesse der Jugendlichen wieder auf Literatur lenken, indem man Literatur an neue Medien anzuknüpfen versucht. Oder Literatur könnte vor dem Hintergrund der (Inter)Kulturalität ihre gesellschaftliche Funktion erweisen. Ob man damit die Literatur, die, wie Grass meint, ‘aufs Altenteil verwiesen wird’, wieder zu ihrem eigentlichen Platz zurückbringen kann, ist fraglich. Gerade davor scheint Grass warnen zu wollen, wenn er in seiner Rede “Literatur und Geschichte” bilanziert: “Doch blättert man im Feuilleton oder hört aufs Raunen im Kulturbetrieb, ist überall dort, wo sich das Sekundäre frech vors Primäre geschoben hat, nach gängiger Devise die Literatur out. Allenfalls taugt sie, aufgemotzt, zum Event oder wird häppchenweise ins Internet verfüttert.” Wir müssen uns fragen, ob wir nicht allzu leicht dazu geneigt sind, Literatur zu einem Teil des Kulturbetriebes zu machen. Es ist weiter zu fragen, ob wir Literatur nicht für immer zu einer kulturbetrieblichen Institution herabsetzen, wenn wir Literatur dadurch zu retten versuchen, dass wir den Sinn der Literatur auf ihre kulturelle Nützlichkeit hin zu ergründen suchen. Aus seiner Nobelpreisrede geht hervor, das Grass Literatur als ‘Humangeschichte’ nimmt, was auch als eine Aufforderung zu nehmen ist, auf die eigentliche und spezifische Funktion der Literatur zu achten. Die Warnung Grass’ vor ‘dem kulturbetrieblichen Jammertal’ scheint uns aufzufordern, unsere Aufmerksamkeit wieder auf Literatur statt Medien, auf Literarität statt (Inter)Kulturalität zu richten. Die digitale Technik und somit die Informationsgesellschaft werden die Bedingungen des Lebens ändern, aber nicht das Leben selbst, um hier in Anlehnung an Hilde Domin zu sprechen. der wir als Germanisten gerne Gehör schenken wollen, wenn sie sagt: “Der Dichter tut, was er immer tat und immer tun wird, gleichgültig,, was für eine praktische Form das Leben nimmt, ob wir zu Pferd reisen[…], im Zug oder in Superraketen, von Kontinent zu Kontinent oder von Stern zu Stern.”
Abstract
Bei der Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 eröffnet Dr. Horace Engdahl, Mitglied der Schwedischen Akademie seine Laudatio mit dem folgenden Satz: “Man hört heutzutage oft Gerede von der verminderten Bedeutung der Literatur. Sie sei zur Unterhaltung oder zum Hobby einer isolierten Elite verkommen.” Zwar stellt Engdahl diese “Gerede” als Vorwand voran, um die Bedeutung von G. Grass umso deutlicher hervorzuheben, indem er sagt, ‘die Anwesenheit von Grass’ reiche, “um zu erkennen, dass die Literatur sich nicht ohne weiteres ins Abseits befördern lässt.” Jedoch ist es ungewöhnlich, dass das angesehenste Literaturfest der Welt gerade mit einer unerfreulichen ‘Gerede von der verminderten Bedeutung der Literatur’ eröffnet wird. Ob es ein Zufall ist, dass G. Grass in seiner Preisrede “Fortsetzung folgt” eine ebenso unerfreuliche Lage der Literatur zur Sprache bringt? “Ist es nicht gegenwärtig eher so”, fragt Grass, “daß die Literatur aufs Altenteil verwiesen und den jungen Autoren allenfalls das Internet als Spielwiese eingeräumt wird?” Grass setzt fort: “Jeglicher Vorrat an Zeit ist bis zum menschenmöglichen Kollaps verplant. Ein kulturbetriebliches Jammertal nimmt die westliche Welt gefangen. Was tun?” Auf diese von sich selbst gestellte Frage gibt er eine Antwort, die nicht wenig verblüffend ist: “In meiner Gottlosigkeit bleibt mir einzig übrig, das Knie vor jenem Heiligen zu beugen[…]. Also flehe ich: Heiliger, von Camus' Gnaden nobelierter Sisyphos, bitte, sorge dafür, daß der Stein oben nicht liegen bleibt, daß wir ihn weiterhin wälzen dürfen, auf daß wir wie du glücklich mit unserem Stein sein können und die erzählte Geschichte von der Mühsal unserer Existenz kein Ende findet.” Zwar kommt Grass trotz der pessimistisch anmutenden Diagnose der gegenwärtigen Literatur doch zu seinem Glauben zurück, dass es Erzähler geben wird, solange die Menschen existieren, jedoch klingt das Gebet von Grass, der über ein halbes Jahrhundert unermüdet und auch unbekümmert Geschichten erzählt, eher melancholisch als glaubhaft. Literatur hat, um in Anlehnung an Th. Mann zu sprechen, von Anfang an die Menschheit begleitet. Mit anderen Worten: sie ist frei von allem Zwang zur Rechtfertigung ihrer Existenz. Dass Grass nun trotzdem flehend darauf besteht, dass Literatur die Menschheit bis zum Ende begleiten wird, klingt daher eher abwegig. Grass’ Rede von ‘Internet als Spielwiese der jungen Autoren’ deutet auf den Einfluss des Internets auf die Produktion und Rezeption der Literatur. In der globalisierten Welt verändert das Internet das Verhältnis der Menschen zur Literatur in noch unvergleichbar stärkerem Maße als TV und andere Medien. Die Bedrohung der Literatur durch die digitale Revolution ist allerdings noch grundsätzlicherer Art. Einige Medienforscher gehen so weit zu behaupten, dass die Schrift selbst in der Zukunft keine Aussicht mehr hat. Dagegen spricht Grass jedenfalls, indem er sagt: “Und sollte eines nahen oder fernen Tages das Menschengeschlecht sich selbst […] vernichten wird-ich bin sicher[…]-das Buch das letzte Wort haben; und sei es als Flugschrift.” In der letzten Zeit wird Literatur oft in Zusammenhang mit Filmen und neuen Medien gestellt. Bereits seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts versuchen sich die kulturwissenschaftliche Germanistik oder die interkulturelle Germanistik als neue Paradigmen des Faches auszuweisen. Es ist bei manchen wissenschaftlichen Tagungen schon Gang und Gäbe, statt von ‘Literarität’ immer mehr von ‘(Inter-)Kulturalität’, ‘Transkulturalität’, oder ‘Medialität’ zu hören. Der Begriff ‘Literaturwissenschaft’ klingt schon beinahe obsolet. Man könnte vielleicht das Interesse der Jugendlichen wieder auf Literatur lenken, indem man Literatur an neue Medien anzuknüpfen versucht. Oder Literatur könnte vor dem Hintergrund der (Inter)Kulturalität ihre gesellschaftliche Funktion erweisen. Ob man damit die Literatur, die, wie Grass meint, ‘aufs Altenteil verwiesen wird’, wieder zu ihrem eigentlichen Platz zurückbringen kann, ist fraglich. Gerade davor scheint Grass warnen zu wollen, wenn er in seiner Rede “Literatur und Geschichte” bilanziert: “Doch blättert man im Feuilleton oder hört aufs Raunen im Kulturbetrieb, ist überall dort, wo sich das Sekundäre frech vors Primäre geschoben hat, nach gängiger Devise die Literatur out. Allenfalls taugt sie, aufgemotzt, zum Event oder wird häppchenweise ins Internet verfüttert.” Wir müssen uns fragen, ob wir nicht allzu leicht dazu geneigt sind, Literatur zu einem Teil des Kulturbetriebes zu machen. Es ist weiter zu fragen, ob wir Literatur nicht für immer zu einer kulturbetrieblichen Institution herabsetzen, wenn wir Literatur dadurch zu retten versuchen, dass wir den Sinn der Literatur auf ihre kulturelle Nützlichkeit hin zu ergründen suchen. Aus seiner Nobelpreisrede geht hervor, das Grass Literatur als ‘Humangeschichte’ nimmt, was auch als eine Aufforderung zu nehmen ist, auf die eigentliche und spezifische Funktion der Literatur zu achten. Die Warnung Grass’ vor ‘dem kulturbetrieblichen Jammertal’ scheint uns aufzufordern, unsere Aufmerksamkeit wieder auf Literatur statt Medien, auf Literarität statt (Inter)Kulturalität zu richten. Die digitale Technik und somit die Informationsgesellschaft werden die Bedingungen des Lebens ändern, aber nicht das Leben selbst, um hier in Anlehnung an Hilde Domin zu sprechen. der wir als Germanisten gerne Gehör schenken wollen, wenn sie sagt: “Der Dichter tut, was er immer tat und immer tun wird, gleichgültig,, was für eine praktische Form das Leben nimmt, ob wir zu Pferd reisen[…], im Zug oder in Superraketen, von Kontinent zu Kontinent oder von Stern zu Stern.”
참고문헌 (19)
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- Platon, "Werke in acht B?den. Bd. 5.: Phaidros. Parmenides. Briefe : Wissenschaftliche Buchgesellschaft" (1981)
- Der feste Buchstab, und Bestehendes gut, "'…' daß gepflegt werde", pp.Wilhelm Fink, gedeutet. Uber die Aufgaben der Literaturwissenschaft In: Germanistik in der Mediengesellschaft
- "http:", online, pp.grass, ehrungen[DOI]
