Zentralisierung der Peripherie, Marginalisierung kollektiver Gedächtnisse - Im Rückblick auf Hans Magnus Enzensbergers Ach Europa!
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초록
In dieser Studie zu Hans Magnus Enzensbergers Ach Europa! werden schwerpunktmäßig für die osteuropäischen Länder charakteristische Lokalitäten im Zusammenhang mit den kollektiven Gedächtnissen untersucht, wobei Deutschland in Bezug auf die polnische und ungarische Vergangenheit verortet wird. Daraus folgern einige kritische Bemerkungen. Auch unter der Voraussetzung, dass ein literarisches Europa insofern vom real existierenden Europa zu unterscheiden ist, als die Literatur mittels ästhetischer Vorgehensweisen wie Metaphern, Symbolen oder literarischer Anspielungen meistens ein realitätsfernes Europa - vom pragmatischen Zweck entfernt - konzipiert, ruft es Bedenken hervor, dass Enzensberger sich weitgehend von den historischen Fakten distanziert, ohne eine konkrete Stellungnahme dazu zu nehmen. Außerdem ist von Enzensberger kaum zu erwarten, gegenseitig konkurrierende Elemente in Vielfalt aufzulösen, da er konsequenterweise auf der Gegenüberstellung von dem Eigenen und dem Fremden sowie Westen und Osten wie Brüssel oder Europa beharrt. Seine Kritik richtet sich hauptsächlich gegen die undemokratische, bürokratische Struktur der Europäischen Gemeinschaft und deren zentralisierte wirtschaftliche Regelungen. Was Enzensberger jedoch nicht genau eingesehen hat, ist das Wechselspiel von Nation und Supranation, wobei die nationalen Befugnisse gegenüber der EU-Kommission und EU-Parlament verteidigt werden können(vgl. Walther 2011). Trotz dieser Schwäche Enzensbergers lässt sich etwas Neues herausarbeiten, nämlich sein verstecktes Europa-Bild. Enzensberger unterscheidet sein Europa von der real existierenden europäischen Gemeinschaft, so dass es noch nicht realisiert wird, sondern für die Zukunft reserviert bleibt, ebenso wie Susan Sontag zwischen Europa und Euro-Land, gleichbedeutend mit Brüssel unterscheidet(vgl. Conter 2005, 182). In dieser Hinsicht schließt sich Enzensberger an seine Vorgänger an, deren literarischen Europa-Vorstellungen im Modus einer Utopie verklärt scheinen. In Bezug auf die aktuelle Europa-Debatte ist außerdem zu fragen, welche Bedeutung den Europa-Ideen Enzensbergers auf kultureller Ebene beigemessen werden kann, insbesondere wenn bei den derzeitigen Krisen, die die EU so schwerwiegend wie noch nie seit ihrer Gründung bedrohen, eine europaweite verbreitete Furcht vor einem ‘deutschen Europa’ eine Rolle spielt. Dabei kommt es im Grunde genommen auf die führende Rolle der deutschen Regierung an, die immer stärker wird und den Nachbarländern sogar bedrohlicher nahe rückt, so dass sie oft innerhalb Europas mit einer ‘wirtschaftlichen Besatzungsmacht’(vgl. Blome u.a. 2015, 20f.) verglichen wird. Die derzeitige politische Konstellation Europas sieht viel komplizierter denn je aus, da verschiedene Krisen wie die Griechenland-Krise, die Ukraine-Krise und die Flüchtlingswelle zugleich auf der Tagesordnung der EU stehen. Sie sind aber ohne die solidarische Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern der EU gar nicht zu lösen, wenn auch die Führungsrolle Kerneuropas nach wie vor im Vordergrund steht. In diesem Zusammenhang sollte auf die Europa-Ideen sowohl als Friedens- als auch als Solidargemeinschaft zurückgegriffen werden, nicht nur auf die Außenpolitik der USA, sondern auch auf die ‘anderer Weltteile’ (Novalis) bezogen. Man kann jedenfalls angesichts der derzeitigen Europa-Krisen mehr hoffen, dass Europa durch das Wechselspiel von den fluiden Konzeptionen, vorläufigen Ideen und Entwürfen mit einer ‘unabschließbaren Bewegung’ (Heinrich Mann) eine neue Dimension erreichen kann, die womöglich zum Entgrenzen der derzeitigen Grenzen bereit sein wird. Denn so wie Adolf Muschg sich mit Zuversicht äußert, ist Europa keine in sich abgeschlossene Institution, sondern das, „was Europa wird(Muschg 2003).“
Abstract
In dieser Studie zu Hans Magnus Enzensbergers Ach Europa! werden schwerpunktmäßig für die osteuropäischen Länder charakteristische Lokalitäten im Zusammenhang mit den kollektiven Gedächtnissen untersucht, wobei Deutschland in Bezug auf die polnische und ungarische Vergangenheit verortet wird. Daraus folgern einige kritische Bemerkungen. Auch unter der Voraussetzung, dass ein literarisches Europa insofern vom real existierenden Europa zu unterscheiden ist, als die Literatur mittels ästhetischer Vorgehensweisen wie Metaphern, Symbolen oder literarischer Anspielungen meistens ein realitätsfernes Europa - vom pragmatischen Zweck entfernt - konzipiert, ruft es Bedenken hervor, dass Enzensberger sich weitgehend von den historischen Fakten distanziert, ohne eine konkrete Stellungnahme dazu zu nehmen. Außerdem ist von Enzensberger kaum zu erwarten, gegenseitig konkurrierende Elemente in Vielfalt aufzulösen, da er konsequenterweise auf der Gegenüberstellung von dem Eigenen und dem Fremden sowie Westen und Osten wie Brüssel oder Europa beharrt. Seine Kritik richtet sich hauptsächlich gegen die undemokratische, bürokratische Struktur der Europäischen Gemeinschaft und deren zentralisierte wirtschaftliche Regelungen. Was Enzensberger jedoch nicht genau eingesehen hat, ist das Wechselspiel von Nation und Supranation, wobei die nationalen Befugnisse gegenüber der EU-Kommission und EU-Parlament verteidigt werden können(vgl. Walther 2011). Trotz dieser Schwäche Enzensbergers lässt sich etwas Neues herausarbeiten, nämlich sein verstecktes Europa-Bild. Enzensberger unterscheidet sein Europa von der real existierenden europäischen Gemeinschaft, so dass es noch nicht realisiert wird, sondern für die Zukunft reserviert bleibt, ebenso wie Susan Sontag zwischen Europa und Euro-Land, gleichbedeutend mit Brüssel unterscheidet(vgl. Conter 2005, 182). In dieser Hinsicht schließt sich Enzensberger an seine Vorgänger an, deren literarischen Europa-Vorstellungen im Modus einer Utopie verklärt scheinen. In Bezug auf die aktuelle Europa-Debatte ist außerdem zu fragen, welche Bedeutung den Europa-Ideen Enzensbergers auf kultureller Ebene beigemessen werden kann, insbesondere wenn bei den derzeitigen Krisen, die die EU so schwerwiegend wie noch nie seit ihrer Gründung bedrohen, eine europaweite verbreitete Furcht vor einem ‘deutschen Europa’ eine Rolle spielt. Dabei kommt es im Grunde genommen auf die führende Rolle der deutschen Regierung an, die immer stärker wird und den Nachbarländern sogar bedrohlicher nahe rückt, so dass sie oft innerhalb Europas mit einer ‘wirtschaftlichen Besatzungsmacht’(vgl. Blome u.a. 2015, 20f.) verglichen wird. Die derzeitige politische Konstellation Europas sieht viel komplizierter denn je aus, da verschiedene Krisen wie die Griechenland-Krise, die Ukraine-Krise und die Flüchtlingswelle zugleich auf der Tagesordnung der EU stehen. Sie sind aber ohne die solidarische Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern der EU gar nicht zu lösen, wenn auch die Führungsrolle Kerneuropas nach wie vor im Vordergrund steht. In diesem Zusammenhang sollte auf die Europa-Ideen sowohl als Friedens- als auch als Solidargemeinschaft zurückgegriffen werden, nicht nur auf die Außenpolitik der USA, sondern auch auf die ‘anderer Weltteile’ (Novalis) bezogen. Man kann jedenfalls angesichts der derzeitigen Europa-Krisen mehr hoffen, dass Europa durch das Wechselspiel von den fluiden Konzeptionen, vorläufigen Ideen und Entwürfen mit einer ‘unabschließbaren Bewegung’ (Heinrich Mann) eine neue Dimension erreichen kann, die womöglich zum Entgrenzen der derzeitigen Grenzen bereit sein wird. Denn so wie Adolf Muschg sich mit Zuversicht äußert, ist Europa keine in sich abgeschlossene Institution, sondern das, „was Europa wird(Muschg 2003).“
참고문헌 (23)
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- Castells, Manuel, "Das Informationszeitalter, Bd. 2: Die Macht der Identität" (2002)
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- Peitsch, Helmut, "Europa in den europäischen Literaturen der Gegenwart", pp.169~185 (2003)
- Rorty, Richard, "Demütigung oder Solidarität? Für Amerika wäre es eine Tragödie, wenn Europa sich nicht gegen Washington behaupten würde", Süddeutsche Zeitung, 31(05) (2003)
- Savater, Fernando, "Europa, necesitada y necesaria", El País, 31(05) (2003)
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- Wagner, Gerhard, "Projekt Europa. Die Konstruktion europäischer Identität zwischen Nationalismus und Weltgesellschaft" (2005)
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